Irrationale Überlieferungen des Judentums.

Zur geheimnisvollen "Führerschaft" in "Beim Bau der chinesischen Mauer" von Kafka

 

In: Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin (JDZB): Reihe 1, Band 12, Mai1992, S.231-240

 


 

Irrationale Überlieferungen des Judentums. Zur geheimnisvollen "Führerschaft" in "Beim Bau der chinesischen Mauer" von Kafka

 

NAKAZAWA Hideo

Tokyo Universität

 

Im März 1990 habe ich beim Chinesisch-Japanischen Germanisten-Treffen in Beijing über Kafkas fragmentarisches Werk "Beim Bau der Chinesischen Mauer" referiert.[1] Dabei habe ich auf drei wichtige Themen oder Probleme in diesem Werk hingewiesen, nämlich den Bau der Großen Chinesischen Mauer, den Glauben an den Kaiser und die Existenz einer geheimnisvollen Führerschaft. In Beijing konnte ich wegen der beschränkten Zeit nur das Problem der Mauer behandeln. Dort habe ich, von den Thesen Jost Schillemeits[2] und Ritchie Robertsons[3] ausgehend, behauptet, daß dieses allegorische Werk im Zusammenhang mit Kafkas Auseinandersetzung mit dem Zionismus, insbesondere mit der Buberschen Position der "Religiosität" zu betrachten sei. Dabei bin ich zum Schluß gekommen, die Chinesische Mauer entspreche dem Judenstaat, und der Turm von Babel, mit dem ein Gelehrter im Kafkaschen Werk den Bau der Mauer vergleicht, entspreche der jüdischen Religion. Aber hier in Berlin, wo "die Mauer" nicht mehr existiert, brauche ich wahrscheinlich über die Mauer nicht mehr zu reden. In meinem heutigen Referat, das als eine Fortsetzung meines letzten Referates gedacht ist, möchte ich mich einem anderen Thema des Werkes zuwenden, nämlich dem Problem der Führerschaft.

 

 

"Der Stadtbau" -- ein Zwillingswerk zur "Chinesischen Mauer"

 

Bevor ich aber auf den Text "Beim Bau der Chinesischen Mauer" eingehe, möchte ich@auf ein anderes Werk Kafkas aufmerksam machen, das mit seinem China-Werk eng zusammenzuhängen scheint, und durch den Vergleich damit möchte ich das Rätsel der geheimnisvollen Führerschaft lösen. Dieses Werk ist eine kurze Erzählung, oder besser, eine kleine Skizze, die Kafka im Herbst 1920 in das sogenannte Konvolut A geschrieben hat (H 304-306).*

 

In dieser Erzählung kommen einige junge Leute zum Ich-Erzähler und bitten ihn, eine Stadt für sie zu bauen. Zuerst zögert er, ihrer Aufforderung nachzukommen, weil ihm ihre Pläne zu unvernünftig erscheinen. Aber am Ende verspricht er ihnen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Obwohl diese Erzählung ohne Titel im Manuskript steht, möchte ich sie der Einfachheit halber "Der Stadtbau" betiteln, während ich das China-Werk gekürzt "Die Chinesische Mauer" nenne.

 

Aber vor der Analyse und Interpretation dieser Skizze muß ich über das Konvolut A, in dem sie geschrieben steht, eine erläuternde Anmerkung geben. Es ist eine Sammlung loser Blätter, in die Kafka vom 15. September 1920 an zu schreiben begann. Neben diesem Konvolut A existieren noch die Konvolute B und C, die aus Blättern derselben Qualität wie A bestehen. Man vermutet, diese drei Konvolute seien ungefähr zur gleichen Zeit entstanden.[4] Max Brod hat später aus den vielen Eintragungen in diesen Konvoluten die Werke, die er als künstlerisch vollendet beurteilte, in den Band "Beschreibung eines Kampfes" aufgenommen und mit Titeln versehen. Dazu gehören beispielsweise die kleinen Erzählungen wie "Poseidon" und "Das Stadtwappen" usw. Alle anderen Eintragungen, die Brod als ungenügend bewertet hat, sind in einen Topf geworfen, nämlich in den Teil der "Fragmente" im Band "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande". Das Werk "Der Stadtbau", das heute in diesem Band steht, liegt im Konvolut A direkt nach "Poseidon" und einige Seiten vor dem "Stadtwappen" .[5]

 

Im Gegensatz zum 1920 entstandenen "Stadtbau" ist "Die Chinesische Mauer" im März 1917 in das sogenannte sechste Oktavheft geschrieben worden. Zwischen diesen beiden Werken, die im Abstand von mehr als drei Jahren entstanden, gibt es jedoch viele motivische Ähnlichkeiten, die auch einen entstehungsgeschichtlichen Zusammenhang wahrscheinlich sein lassen. Heute habe ich leider keine Zeit, dies ausführlich zu beweisen, möchte aber die These vertreten, daß das Konvolut A zum Teil als Ergebnis von Kafkas Wiederlektüre der Oktavhefte oder sogar durch Umschreiben der Oktavhefte entstanden ist.[6] Um meine These etwas plausibler zu machen, möchte ich nur darauf hinweisen, daß im Konvolut A einige auf China bezügliche Eintragungen stehen, die auf einen direkten Zusammenhang mit der "Chinesischen Mauer" schließen lassen. Dazu gehören "Die Abweisung" und "Zur Frage der Gesetze", also Erzählungen, die von Brod als vollendete Werke in den Band "Beschreibung eines Kampfes" aufgenommen wurden.

 

Im folgenden möchte ich motivische Ähnlichkeiten zwischen der "Chinesischen Mauer" und dem "Stadtbau" aufzählen.

 

Zuerst kommt in beiden Erzählungen das Motiv des "Baus" vor, worüber ich wohl nichts weiteres auszuführen brauche.

 

Die zweite Gemeinsamkeit besteht in der Bauweise in den beiden Werken. In der "Chinesischen Mauer" wird die Mauer nicht systematisch, sondern sehr fragmentarisch und stückwerkhaft gebaut, was der Ich-Erzähler den "Teilbau" nennt. Er sieht diese Bauweise als das "Kernproblem" des ganzen Bauunternehmens an (B 71). Auch im "Stadtbau" wird die Stadt durch eine Art Teilbau gebaut, denn die jungen Leute sagen dem Ich-Erzähler: "... auch müßte die Stadt nicht einmal gebaut, sondern nur im Umriß festgelegt und nach und nach ausgeführt werden." (H 304)

 

Die dritte Gemeinsamkeit ist das Motiv der "Verteidigung" oder des "Schutzes". In der "Chinesischen Mauer" wird die Mauer "zum Schutze gegen die Nordvölker" gebaut (B 67). "Ein altes Blatt", eine kurze Erzählung, die eigentlich zur "Chinesischen Mauer" gehörte und später von Kafka selbst getrennt in den Band "Ein Landarzt" aufgenommen wurde, beginnt mit dem Satz: "Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres Vaterlandes" (E 155). Auch im "Stadtbau" muß diese Stadt aus irgendwelchen Gründen verteidigt werden. Im Text heißt es: "Zur Verteidigung schien ja der Ort nicht besonders geeignet, von der Natur geschützt war er nur gegenüber dem Fluß und gerade hier war ja der Schutz am wenigsten notwendig, ... von allen andern Seiten her war aber die Hochebene ohne Mühe zugänglich, deshalb also und auch wegen ihrer großen Ausdehnung schwer zu verteidigen." (H 305)

 

Den beiden Werken gemeinsam ist viertens auch die skeptische Haltung des Ich-Erzählers dem Bauunternehmen gegenüber. Der Ich-Erzähler in der "Chinesischen Mauer" kann nicht begreifen, warum die Mauer so unsystematisch gebaut wird. Er muß urteilen: "eine solche Mauer kann nicht nur nicht schützen, der Bau selbst ist in fortwährender Gefahr." (B 68) Für ihn ist der Mauerbau keineswegs ein selbstverständliches Unternehmen wie für die meisten Chinesen, sondern ein Rätsel, das ihn zur "historischen Untersuchung" (B 74) anregt. Auch im "Stadtbau" kann der Ich-Erzähler nicht verstehen, warum die Auftraggeber gerade an diesem gefährlichen Ort, der für den Bau der Stadt gar nicht geeignet scheint, die Stadt bauen wollen. Als er sie danach fragt, können auch sie ihm die Gründe für die Wahl des Ortes nicht genau angeben. Sie sagen nur, "es seien alte Überlieferungen, welche diesen Ort empfehlen" (H 306). Ihre Antwort zeigt, daß sie nicht aus vernünftigen Gründen handeln, sondern die logisch nicht zu erklärenden "Überlieferungen" ihrer "Voreltern" (H 306) befolgen.

 

Durch dieses Motiv der Überlieferungen ist die Erzählung "Der Stadtbau" wieder mit der "Chinesischen Mauer" verbunden, denn auch in diesem Werk führen die Chinesen "ein Leben, das unter keinem gegenwärtigen Gesetze steht und nur der Weisung und Warnung gehorcht, die aus alten Zeiten zu uns herüberreicht" (B 82). Die aus alten Zeiten herüberreichende Weisung und Warnung könnte als Tradition oder Überlieferung bezeichnet werden.

 

Diese beiden Werke, die so viele motivische Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten haben, lassen sich sozusagen als Zwillingswerke bezeichnen, obwohl das eine im alten China spielt und das andere an einem unbekannten öden Ort, und es in jenem um den Bau der Mauer geht, während in diesem um den Bau einer Stadt.

 

Durch die Untersuchungen von Schillemeit und Robertson wissen wir heute, daß "Die Chinesische Mauer" ein allegorisches Werk ist, in dem das Wort "Jude" durchweg durch das Wort "Chinese" ersetzt ist, und das sich mit der Situation des Judentums auseinandersetzt. Wenn das so ist, kann man auch davon ausgehen, daß es in "Der Stadtbau" in ähnlicher Weise um das Thema "Judentum" geht. Selbst wenn wir diese Skizze, ohne den Zusammenhang mit der "Chinesischen Mauer" in Betracht zu ziehen, für sich allein lesen, drängt sich uns sofort der Eindruck auf, daß diese Erzählung Kafkas, also die Erzählung eines Juden, mit einer bestimmten Topographie zu tun habe: mit Palästina. Der Stadtbau an einem öden und gefährlichen Ort ist der Aufbauarbeit des Judenstaates in Palästina sehr ähnlich. Die Erklärung der jungen Leute im Werk: "es würden noch andere nachkommen und es seien doch Eheleute unter ihnen, die Kinder zu erwarten hätten" (H 304), erinnert an die Ansiedelung der Juden in Palästina. Tatsächlich schreibt Brod in seiner Anmerkung zu diesem Werk im Band der "Hochzeitsvorbereitungen", in dieser Skizze zeichne sich deutlich "eine Schau des zionistischen Aufbauwerks in Israel" ab (H 452). Es ist schwer, eine Erzählung mit so durchsichtigen Anspielungen anders zu deuten. Wenn dieser Ort Palästina ist, dann kann man die jungen Leute, die den Ich-Erzähler um Mitarbeit am Stadtbau bitten, als Zionisten wie Kafkas Freunde Brod und Hugo Bergmann identifizieren, die ihn zur Teilnahme an der zionistischen Bewegung aufriefen. Es ist auch kein Zufall, daß diese Leute alle jung und im Gegensatz zum müden Ich-Erzähler voll Kraft und Energie sind, denn die Zionisten bestanden damals vorwiegend aus Studenten und jungen Intellektuellen.

 

Nun werden die Überlieferungen, die den jungen Leuten, also den Zionisten, gebieten, an jenem Ort die Stadt zu bauen, in der Erzählung als etwas Irrationales dargestellt. Obwohl nicht nur der Ich-Erzähler, sondern selbst die Auftraggeber gut wissen, daß der Ort für den Stadtbau nicht geeignet ist, unterwerfen sie sich am Ende dem Gebot der Überlieferungen. Diese Überlieferungen sind nichts anderes als jüdische Überlieferungen "aus alten Zeiten", aus alttestamentarischen Zeiten, die den Juden versprechen oder gebieten, in Palästina ihren eigenen Staat zu errichten.

 

 

Die geheimnisvolle Führerschaft als Allegorie der jüdischen Überlieferung

 

Wie wir früher schon gesehen haben, kommt diese Problematik der Überlieferung auch in der "Chinesischen Mauer" vor. Aber im China-Werk schreibt der Ich-Erzähler nicht deutlich, daß der Mauerbau durch die Überlieferung bestimmt sei. Nach seiner Meinung sind es jedoch weder der Kaiser, der den Bau angeordnet hat, noch die Nordvölker, die ihn im Grunde verursacht haben. Es ist eher die Führerschaft, die ihn beschlossen und die rational nicht zu erklärende Bauweise des Teilbaus festgesetzt hat (B 72f.). Der Ich-Erzähler sagt, diese Führerschaft bestehe wohl seit jeher und der Beschluß des Mauerbaus gleichfalls (B 76). Er beschreibt die Führerschaft folgendermaßen:

 

"In der Stube der Führerschaft - wo sie war und wer dort saß, weiß und wußte niemand, den ich fragte - in dieser Stube kreisten wohl alle menschlichen Gedanken und Wünsche und in Gegenkreisen alle menschlichen Ziele und Erfüllungen." (B 73)

 

Wer oder was ist diese rätselhafte Führerschaft? Wenn man "Die Chinesische Mauer" und den "Stadtbau" miteinander vergleicht, stellt sich heraus, daß die Führerschaft im China-Werk dieselbe Rolle spielt wie die alten Überlieferungen im "Stadtbau". Beide sind irrationale Kräfte, die die Leute zum Bauunternehmen antreiben. Wenn man an den allegorischen Charakter der "Chinesischen Mauer" denkt, wäre es erlaubt, die Führerschaft als allegorische Darstellung der Überlieferungen, und zwar der jüdischen Überlieferungen, zu deuten. Den Satz: "wo sie war und wer dort saß, weiß und wußte niemand" könnte man dann wohl nicht interpretieren im Sinne, daß diese Führerschaft sozusagen eine Art dem Volk unzugängliches Zentralkomitee der kommunistischen Partei oder "Nomenklatura" ist, sondern in dem Sinne, daß sie gar keine übliche menschliche Organisation wie die Führung in der Firma, im Militär oder in der Partei darstellt, sondern in Gedanken existiert und deshalb unsichtbar ist. Obwohl Kafka schreibt: "... in dieser Stube kreisten wohl alle menschlichen Gedanken und Wünsche und in Gegenkreisen alle menschlichen Ziele und Erfüllungen", sollte man vielmehr denken, "in dieser Stube" gebe es nichts als "alle menschlichen Gedanken und Wünsche" und "alle menschlichen Ziele und Erfüllungen"; d. h. diese Führerschaft besteht nicht aus leiblichen Menschen, sondern eben aus "alle(n) menschlichen Gedanken und Wünsche(n)", aus "alle(n) menschlichen Ziele(n) und Erfüllungen", deren Gesamtheit gerade die Überlieferungen bzw. die Traditionen bildet. Ich glaube, daß Kafka hier das Wesen der Überlieferung oder Tradition sehr treffend beschreibt, denn man kann die Überlieferung bzw. die Tradition als solche nicht sehen und sie auch nicht logisch erklären, aber man weiß gut, daß sie auch in der heutigen Gesellschaft wirkt und tatsächlich Kraft hat, die Menschen zu "führen" - manchmal auch in unerwünschte Richtungen.

 

Wenn man auf diese Weise die Führerschaft als Allegorie der Überlieferung oder Tradition deutet, dann kann man aus Kafkas Darlegungen der Führerschaft viele interessante Gedanken über die jüdische Überlieferung bzw. Tradition herauslesen. Der Ich-Erzähler schreibt über die Beziehung zwischen dem chinesischen Volk, d. h. dem jüdischen Volk, und der Führerschaft folgendermaßen:

 

"Wir - ich rede hier wohl im Namen vieler - haben eigentlich erst im Nachbuchstabieren der Anordnungen der obersten Führerschaft uns selbst kennengelernt und gefunden, daß ohne die Führerschaft weder unsere Schulweisheit noch unser Menschenverstand für das kleine Amt, das wir innerhalb des großen Ganzen hatten, ausgereicht hätte." (B 73)

 

Wenn die Führerschaft die Allegorie der jüdischen Überlieferung ist, dann stellt das "Nachbuchstabieren der Anordnungen der obersten Führerschaft" nichts anderes dar als die Lektüre und Auslegung der Bibel, die Rezitation der Thora, das Studium der Lehren, Vorschriften und Überlieferungen, die als der Talmud zusammengestellt und niedergeschrieben wurden. Der Ich-Erzähler sagt hier, die Juden könnten ihr Judesein, nämlich ihre jüdische Identität, erst durch Bewußtwerden ihrer Beziehungen zu den jüdischen Überlieferungen erkennen.

 

 

Jüdische Überlieferung -- göttlich oder nur menschlich?

 

Die jüdischen Überlieferungen sind vor allem religiöse. Zu diesem religiösen Charakter kann man vielleicht zwei verschiedene Haltungen einnehmen: die eine Haltung nimmt alle alttestamentarischen Überlieferungen für göttlich, gottgegeben. Sie läßt sich als Position des jüdischen Gläubigen bezeichnen. Der gläubige Jude, der z. B. den Gruß: "Nächstes Jahr in Jerusalem" spricht, hält die Überlieferungen, die den Juden die Errichtung des Judenstaates in Palästina versprechen und gebieten, für göttlich. Im Gegensatz dazu nimmt die andere Haltung die Überlieferungen nur für geschichtlich entstandene menschliche Gebilde. Diese Haltung läßt sich als Position des Aufgeklärten bezeichnen. Welche Position nimmt der Ich-Erzähler ein, der den Bau der Mauer historisch untersucht? Es ist klar, daß er kein frommer Gläubiger ist, der alle Überlieferungen als göttlich ansieht, denn wenn er es wäre, würde er über den Mauerbau keine kritische Untersuchung durchführen. Der Ich-Erzähler erkennt gut, daß die Führerschaft nichts anderes als die Gesamtheit der "menschlichen Gedanken und Wünsche" ist. In dieser Hinsicht ist er ein aufgeklärter Intellektueller. Aber er ist auch kein nüchterner Aufklärer wie Nietzsche, der den Ursprung der Religion ganz und gar als Ideologie entlarvt, denn er schreibt:

 

"Durch das Fenster aber fiel der Abglanz der göttlichen Welten auf die Pläne zeichnenden Hände der Führerschaft." (B 73)

 

Dieser Satz ist sehr delikat. Der Ich-Erzähler kann den göttlichen Ursprung der Pläne der Führerschaft nicht ganz verneinen. Aber er kann auch nicht glauben wie ein frommer Jude, daß die Pläne für den Mauerbau direkt von Gott gegeben seien. Nach seiner Auffassung spiegelt sich in der Führerschaft vielleicht "der Abglanz der göttlichen Welten" wider. Das Wort "Abglanz" als eine Art schwacher, nicht direkter Glanz zeigt sowohl die Verbindung zum göttlichen Ursprung als auch die Entfernung davon. Der Ich-Erzähler ist also ein Skeptiker, der sich weder dem Glauben noch der aufgeklärten Position ganz verschreiben kann. Als solcher Skeptiker pendeln seine Betrachtungen über die Führerschaft zwischen zwei Polen. Aber im großen und ganzen neigt er eher zu aufklärerischen, entlarvenden Betrachtungen.

 

Ihm, "dem unbestechlichen Betrachter" (B 73), ist besonders die Frage nicht begreiflich, warum "die Führerschaft, wenn sie es ernstlich gewollt hätte, nicht auch jene Schwierigkeiten hätte überwinden können, die einem zusammenhängenden Mauerbau entgegenstanden" (B 73). Wenn er die Anordnungen der Führerschaft logisch betrachtet, muß er zum Schluß kommen, "daß die Führerschaft etwas Unzweckmäßiges wollte" (B 73), daß sie absurderweise mit einer unzweckmäßigen Bauweise ans Werk ging. Wenn man diese allegorische Sprache in die Wirklichkeitssprache übersetzt, lautet die Frage des Ich-Erzählers ungefähr so: Wenn der Aufbau des Judenstaates wirklich der Wille Gottes ist, warum geht er damit so unzweckmäßig voran? Wenn man diese Frage bis zum Ende durchdächte, müßte man wahrscheinlich folgern, daß die Führerschaft selbst unzweckmäßig und absurd sei. Dieser Schluß würde aber den göttlichen Ursprung der Führerschaft in Frage stellen und an den Tag bringen, daß der Judenstaat keinen Willen Gottes, sondern nur irrationale Wünsche der Juden darstellt. Dieser Schluß würde aber die Grundlage der jüdischen Identität untergraben.

 

Der Ich-Erzähler nähert sich dieser gefährlichen, für die Juden allzu gefährlichen Grenze, aber er überschreitet sie nicht. Er schreibt:

 

"Damals war es geheimer Grundsatz Vieler, und sogar der Besten: Suche mit allen deinen Kräften die Anordnungen der Führerschaft zu verstehen, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, dann höre mit dem Nachdenken auf." (B 73)

 

Nach der Auffassung des Ich-Erzählers haben viele Chinesen, d. h. Juden, vor der selben Frage wie er gestanden, aber mit diesem "Grundsatz" ihre logische Schlußfolgerung suspendiert, um die Grundlage ihrer jüdischen Identität nicht zu gefährden.

 

 

Nationales und Allgemeinmenschliches in der messinanischen Idee des Judentums

 

Er setzt seine Betrachtungen über diesen "Grundsatz" fort:

 

"Ein sehr vernünftiger Grundsatz, der übrigens noch eine weitere Auslegung in einem später oft wiederholten Vergleich fand: Nicht weil es dir schaden könnte, höre mit dem weiteren Nachdenken auf, es ist auch gar nicht sicher, daß es dir schaden wird. Man kann hier überhaupt weder von Schaden noch Nichtschaden sprechen. Es wird dir geschehen wie dem Fluß im Frühjahr. Er steigt, wird mächtiger, nährt kräftiger das Land an seinen langen Ufern, behält sein eignes Wesen weiter ins Meer hinein und wird dem Meere ebenbürtiger und willkommener. - So weit denke den Anordnungen der Führerschaft nach. - Dann aber übersteigt der Fluß seine Ufer, verliert Umrisse und Gestalt, verlangsamt seinen Abwärtslauf, versucht gegen seine Bestimmung kleine Meere ins Binnenland zu bilden, schädigt die Fluren, und kann sich doch für die Dauer in dieser Ausbreitung nicht halten, sondern rinnt wieder in seine Ufer zusammen, ja trocknet sogar in der folgenden heißen Jahreszeit kläglich aus. - So weit denke den Anordnungen der Führerschaft nicht nach." (B 73f.)

 

Nach der Auffassung des Ich-Erzählers versucht man sogar, der Suspension des Nachdenkens über die Führerschaft mit einem "geheimen Grundsatz", mit dem "Vergleich" von "dem Fluß im Frühjahr", eine positive Bedeutung zu verleihen, wodurch der Ursprung der Führerschaft tabuisiert wird. Dieser "Vergleich" ist vor dem Hintergrund der zionistischen Ideologie gut zu verstehen und zu interpretieren. Das Bilderpaar von Fluß und Meer in Kafkas Gleichnis entspricht meines Erachtens dem Begriffspaar von Judentum und Menschheit in der messianischen Idee des Judentums. Diese Idee verschränkt Nationales (Judentum) und Allgemeines (Menschheit) in komplizierter Beziehung. Die Juden erwarteten ursprünglich vom Messias, ihnen die alte Herrlichkeit des nationalen Königtums zu restaurieren. Der Messias war für die Juden in erster Linie der nationale Erlöser. Aber mit dieser nationalen Idee verknüpft sich die Idee der allgemeinen Erlösung der Menschheit und der Ankunft eines ganz neuen Äons auf Erden. Nach dieser Auffassung ereignet sich in der messianischen Zeit beides: die Restauration des Judenstaates in Palästina und der ewige Friede der Menschheit unter der Hinwendung aller Völker zu dem einen Gott, und zwar dem wahren Gott Israels.

 

In der europäischen Neuzeit mußte sich auch die messianische Idee säkularisieren. Gershom Scholem schreibt:

 

"Der Messianismus geht die Verbindung mit der Idee des ewigen Fortschritts und der unendlichen Aufgabe einer sich vollendenden Menschheit ein. Dabei wird im Begriff des Fortschritts selber ein nicht-restauratives Element ins Zentrum der rationalen Utopie gerückt."[7]

 

Der jüdische neukantianische Philosoph Hermann Cohen war ein "Repräsentant liberal-rationalistischer Umdeutung der messianischen Idee im Judentum".[8] Er kritisierte den Zionismus aus der liberal-jüdischen Position heraus und bejahte die Assimilation der Juden in die europäische Umwelt. Nach dieser liberal-jüdischen Auffassung können die Juden, "das allgemeinmenschlichste Volk, da ohne eigenen Staat",[9] durch ihre allgemeinmenschliche religiöse Ethik zum Fortschritt der Menschheit einen wichtigen Beitrag leisten. Sie bewertet also die Diaspora, die Zerstreuung der Juden unter fremden Völkern, positiv als die Voraussetzung ihrer weltgeschichtlichen Bestimmung für den Fortschritt der Menschheit.

 

Im Gegensatz dazu verneint der Zionismus die Diaspora als krankhaftes Dasein der Juden. Sein bedeutendster Ideologe war Martin Buber, der die Wichtigkeit der jüdischen Gemeinschaft betonte. Obwohl er, anders als Theodor Herzl, die jüdische Religiosität erneuern wollte, stand auch er unter dem historischen Zwang zur Säkularisierung und versuchte, die messianische Idee modern umzudeuten. Dabei legte er in Opposition zur liberal-jüdischen Auffassung wieder Wert auf das nationale Moment und behauptete, in der messianischen Zeit müsse vor allem der Judenstaat wieder errichtet werden, obwohl er auch das allgemeinmenschliche Moment nicht ganz außer acht ließ: ohne dieses Moment hätte jene Idee in der Moderne nur noch jüdischen Chauvinismus bedeutet. So erklärt er sich in einer seiner in Prag gehaltenen "Drei Reden über das Judentum", die auch Kafka gehört haben könnte, zum Messianismus folgendermaßen: Damit "hat der Jude sich unterfangen, ein Haus für die Menschheit zu bauen, das Haus des wahren Lebens. ... Und das, was [am Ende der Tage] kommen sollte, das war wohl oft etwas Relatives, die Befreiung eines gepeinigten Volkes und seine Sammlung um Gottes Heiligtum, aber auf den Gipfeln war es das Absolute, die Erlösung des Menschengeistes und das Heil der Welt."[10] Nach seiner Interpretation der messianischen Idee ist die Gründung des Judenstaates zwar ein wichtiges Moment, aber sie stellt das "Relative als das Mittel zum Absoluten" dar. Wesentlicher als dieses Relative ist "das Absolute", "das in der Menschheit und durch sie zu verwirklichende Ziel"[11], nämlich "die Erlösung des Menschengeistes und das Heil der Welt". Aber dieses Absolute ist wiederum nur auf dem Weg des Relativen, d. h. durch die Sammlung des jüdischen Volkes in Palästina, zu erreichen. So zitiert Buber in seiner Streitschrift gegen Hermann Cohen in der zionistischen Monatsschrift "Der Jude" seinen Vordenker Moses Hess: "Uns fehlt das Land, um das historische Ideal unseres Volkes zu verwirklichen, welches kein anderes Ideal ist als die Herrschaft Gottes auf Erden, die messianische Zeit, die von allen unseren Propheten verkündet worden ist."[12] Buber formuliert seine These: "Wir wollen Palästina nicht 'für die Juden': wir wollen es für die Menschheit, denn wir wollen es für die Verwirklichung des Judentums."[13]

 

Für Buber entstellt und verzerrt Cohens liberal-jüdische Auffassung die messianische Idee, indem sie "unter Berufung auf den Messianismus die Zerstreuung, die Erniedrigung, die Heimlosigkeit des jüdischen Volkes als etwas absolut Wertvolles und Segenreiches verherrlicht, als etwas, das bewahrt werden müsse, weil es die messianische Menschheit vorbereite".[14] Obwohl er auf diese Weise das nationale Moment wieder betont, wirft er das allgemeinmenschliche Moment doch nicht ganz über Bord. Auch er gibt zu: "In der messianischen Menschheit mag das Judentum dereinst aufgehen, mit ihr verschmelzen." Aber er muß hinzufügen: "nicht aber vermögen wir einzusehen, daß das jüdische Volk in der heutigen Menschheit untergehen müsse, damit die messianische entstehe."[15]

 

Im Gleichnis von Kafka über Fluß und Meer kann man den Widerhall der zionistischen Diskussionen über die messianische Idee leicht erkennen. Der Fluß stellt das Judentum dar, das, nach Buber, als nationale Einheit "sein eignes Wesen" weiter unverändert "behalten" soll, ohne "Umrisse und Gestalt" zu verlieren. Aber am Ende der Tage, nämlich in der messianischen Zeit, fließt der Fluß "ins Meer hinein" und "wird dem Meere ebenbürtiger und willkommener", d. h. das Judentum kann in der messianischen Menschheit sein nationales Wesen beruhigt aufgeben und mit der Menschheit "verschmelzen". Wenn man aber schon vor der Ankunft der messianischen Zeit "in der heutigen Menschheit" über die irrationale Überlieferung des Judentums zu tief nachdenkt, wird man zur Verneinung des göttlichen Ursprungs der Überlieferung gezwungen, was nicht nur die Gründung des Judenstaates, sondern auch die Erhaltung der jüdischen Identität in der Diaspora gefährden würde. Wenn man "die Führerschaft" zu rational analysiert und ihre absurde Herkunft entlarvt, dann kann das Judentum "sich doch für die Dauer in dieser Ausbreitung nicht halten, sondern rinnt wieder in seine Ufer zusammen, ja trocknet sogar in der folgenden heißen Jahreszeit kläglich aus". Damit das Judentum seine "Bestimmung" erfülle, damit "es seinen Dienst an der Menschheit wahrhaft vollziehen könne"[16], darf es "den Anordnungen der Führerschaft nicht so weit nachdenken" und muß "seine Kraft in Palästina einsammeln und fruchtbar machen", denn die "Menschheit braucht das Judentum; aber dieses zersprengte, zerrissene, haltlose hier kann ihr nicht geben, was sie von ihm braucht, sondern erst ein im eigenen Lande regeneriertes."[17] - So lautet die zionistische Ideologie von Buber.

 

Unverkennbar ist die ironische und kritische Haltung des Ich-Erzählers in der "Chinesischen Mauer" gegenüber der Führerschaft, der Überlieferung des Judentums. Wie ich in meinem Referat in Beijing gesagt habe, spiegelt seine skeptische Position wahrscheinlich auch die Haltung Kafkas dem Zionismus gegenüber. Wenn man aber das China-Werk von 1917 mit dem Zwillingswerk "Der Stadtbau" von 1920 vergleicht, gibt es zwischen beiden einen kleinen, aber wichtigen Unterschied: Obwohl auch in dieser Skizze die Haltung des Ich-Erzählers der Überlieferung gegenüber sehr skeptisch ist, unterwirft er sich am Ende doch dieser Überlieferung und verspricht den jungen Leuten, mit ihnen zusammen am Bau der Stadt zu arbeiten. Das Ende der Skizze scheint den Beginn von Kafkas positiverer Hinwendung zum Zionismus anzudeuten. Nach meiner Ansicht wurde sie nicht nur durch die veränderte gesellschaftliche Situation um Kafka, nämlich die Balfour-Deklaration vom November 1917 und den verstärkten Antisemitismus in der nach dem Ersten Weltkrieg neu geborenen tschechoslowakischen Republik verursacht, sondern auch durch lebensgeschichtliche Vorkommnisse, insbesondere durch das Scheitern seiner Liebesbeziehung mit der christlichen Tschechin Milena Jesenska, die ihm seinen jüdischen Hindergrund bewußter machten.[18]

 



[1] Mein Referat soll bald in der Dokumentation des Beijinger Symposiums gedruckt werden.

[2] Jost Schillemeit, Der unbekannte Bote, in: S. Moses/A. Schöne (Hrsg.), Juden in der deutschen Literatur, Frankfurt/M. 1986.

[3] Ritchie Robertson, Kafka. Judaism, Politics, and Literature, Oxford 1985.

* B = Franz Kafka, Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlaß, Frankfurt/M. 1954.

H = ders., Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß, 7.-9. Tausend, Frankfurt/M. 1966.

E = ders., Erzählungen, 17. bis 23. Tausend, Frankfurt/M. 1967.

 

[4] M. Pasley/K. Wagenbach, Datierung sämtlicher Texte Franz Kafkas, in: J. Born u. a., Kafka-Symposion, Zweite, veränderte Auflage, Berlin 1966, S. 68ff.; Hartmut Binder, Kafka-Kommentar zu sämtlichen Erzählungen, 2. durchgesehene Auflage, München 1977, S. 240, S. 252.

[5] M. Pasley/K. Wagenbach, a. a. O., S. 68.

[6] Diese These habe ich schon in meinem auf japanisch abgefaßten Aufsatz ausführlich vertreten: Die Rätsel der Aphorismen Kafkas. "Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg" und Kafkas Milena-Erlebnis, Tokyo 1991.

[7] Gershom Scholem, Judaica I, 11. und 12. Tausend, Frankfurt/M. 1986, S. 54.

[8] A. a. O.

[9] Boris Groys, Vorwort, in: Theodor Lessing, Der jüdische Selbsthaß, München 1984, S. VIII.

[10] Martin Buber, Der Jude und sein Judentum, Köln 1963, S. 41f.

[11] A. a. O., S. 42.

[12] Martin Buber, Begriffe und Wirklichkeit. Brief an Herrn Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen, in: Der Jude, Heft 5 (August 1916), S. 287.

[13] A. a. O.

[14] A. a. O., S. 286f.

[15] A. a. O., S. 287.

[16] Martin Buber, Zion, der Staat und die Menschheit. Bemerkungen zu Hermann Cohens "Antwort", in: Der Jude, Heft 7 (Oktober 1916), S. 425.

[17] A. a. O., S. 425f.

[18] In meinem oben genannten Aufsatz habe ich behauptet, man müsse nicht nur die Konvolute A, B und C, sondern auch Kafkas Zusammenstellung der "Betrachtungen" im Herbst 1920 aus seinen schon 1917/18 entstandenen Zürauer Aphorismen im Zusammenhang mit seinem Milena-Erlebnis betrachten. Die drei Konvolute, die Briefe an Milena und "Betrachtungen" bilden eine untrennbare Triade seines Schaffens in der zweiten Hälfte des Jahres 1920.

 

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